Bunte, tolerante Gesellschaft und neue Kundschaft

Die Gleich­stellung von Menschen mit Behin­de­rungen führt dazu, dass immer mehr von ihnen in der Allgemeinheit anzutreffen sind. Grund: Zum einen schreitet die Integration voran, zum anderen wächst die Zahl der Hochbetagten stetig. Der Kreis von Leuten, die aufgrund einer Geh-, Seh- oder Hör­behin­de­rung, einer psychischen Krankheit oder geistigen Behin­de­rung eingeschränkt sind, nimmt dadurch weiter zu. Die Folge ist, dass in Restaurants, Läden, Kinos, auf Reisen, bei Veranstaltungen usw. immer mehr Personen mit Behin­de­rungen anzutreffen sind. Sie gehören als Kunden, Besucher oder Angestellte praktisch zum alltäglichen Bild. Jeder, der in der Schweiz lebt, kommt früher oder später mit Menschen mit Behin­de­rungen in Kontakt und lernt dadurch eine neue Welt und neue Werte kennen.

Die Schweiz hat sich in den letzten 20 bis 30 Jahren stark verändert. Neben den vielen Personen fremdländischer Herkunft, die sich teilweise durch Hautfarbe, Kleidung, Grösse, Haartracht und andere Dinge von den anderen Bewohnern unterscheiden, gibt es zwei weitere wesentliche Veränderungen in der schweizerischen Bevölkerung zu beobachten: Einerseits begegnet man viel mehr älteren Menschen als früher, und dies überall und teilweise in grossen Gruppen. Andererseits gibt es immer mehr Personen, die mit einem Hilfsmittel unterwegs sind. Bei sonnigem Wetter sieht man viele Leute, die einen Rollator vor sich herschieben. Recht häufig trifft man aber auch Rollstuhlfahrende oder Personen mit einem Langstock bzw. Blindenführhund an. Dies verdeutlicht eines: Ein grosser Teil der Gesellschaft in der Schweiz bewegt sich heute in der Öffentlichkeit mit irgendwelchen Hilfsmitteln vorwärts.

An dieser Entwicklung ist die Gleich­stellung von Menschen mit Behin­de­rungen nicht ganz unschuldig. Die Forderung nach Abbau von Diskriminierungen, die bereits in den 70er-Jahren eingesetzt hatte und zwischen 1995 und 2003 ihren Höhepunkt erlebte, hat zu grossen Anpassungen in der baulichen Umwelt und beim öffentlichen Verkehr geführt. Dadurch sind die Bewegungs- und Ausgehmöglichkeiten vieler mobilitätsbehinderter Personen stark gestiegen. Ein Besuch in der Innenstadt oder im Dorfkern ist heute für viele ältere und behinderte Menschen ohne weiteres möglich, selbst dann, wenn sie oder er stark gehbehindert und auf ein Hilfsmittel angewiesen ist.

Menschen mit Behin­de­rungen, ob alt oder jung, treten daher vermehrt als Kunden oder Gäste auf. In einer hochindustriellen, modernen Gesellschaft, wie wir sie heute in der Schweiz kennen, ist jede fünfte Person auf irgendeine Art mobilitätsbehindert. Damit tragen Personen mit Behin­de­rungen erheblich zum Umsatzvolumen bei. Natürlich ist die Zahl der Gäste mit Behin­de­rungen von Laden zu Laden, von Restaurant zu Restaurant recht verschieden. Aber es gibt heute keinen Ort mehr, wo solche Kunden nicht anzutreffen sind. Die Bedürfnisse dieser Menschen sind nicht anders als jene der anderen Leute. Gäste mit Behin­de­rungen wollen wie alle anderen einkaufen, ins Kino, Theater oder zusammen mit Freunden ins Restaurant essen gehen. Sie sind Kunden wie alle anderen und wollen gleich bedient und behandelt werden wie alle anderen. Dies hört sich einfacher an, als es ist. Wie bedient man zum Beispiel jemanden mit einer starken geistigen Behin­de­rung? Wie hilft man einer seh­behin­der­ten Person oder einem Rollstuhlfahrer bei der Kleideranprobe? Oder was soll man tun, wenn am Infoschalter ein hörbehinderter Kunde steht, der sich nur schlecht verständlich machen kann?

Der Umgang mit älteren und behinderten Menschen verlangt manchmal eine gewisse Sensibilität und Fingerspitzengefühl. Man muss sich ein Stück weit in den Menschen hineindenken können, damit man auf die Wünsche und Bedürfnisse dieser Personen entsprechend eingehen kann. Voraussetzung dafür ist der Respekt vor der Andersartigkeit. Eine gewisse Sozialkompetenz schadet ebenfalls nicht. Zuviel Betreuung wird aber von den meisten als störend empfunden. Da im Alltag immer mehr Menschen mit Behin­de­rungen anzutreffen sind, wächst ganz automatisch das gegenseitige Verständnis und der richtige Umgang miteinander. Je mehr Menschen mit Behin­de­rungen also das Stadt- und Dorfbild prägen, desto höher wird die Toleranzschwelle in der Allgemeinheit. Die Präambel der UNO-Behinder­ten­rechts­konvention hält darum zu Recht fest, dass Menschen mit Behin­de­rungen einen wesentlichen Beitrag zum all­ge­meinen Wohl und zur Vielfalt der Gemeinschaften leisten und «dass die Förderung des vollen Genusses der Menschenrechte und Grund­frei­heiten durch Menschen mit Behin­de­rungen […] zu erheblichen Fort­schritten in der menschlichen, sozialen und wirtschaftlichen Entwicklung der Gesellschaft […] führen wird».